Das Highlight des Jahres...und der längste Tag meines Lebens...
Im März begann für mich die Vorbereitung auf den längsten Tag meines Lebens. Nach langem Ringen mit mir selber, entschloss ich mich, meinen Traum endlich anzugreifen und mich für die Langdistanz in Köln anzumelden. Auch wenn ich es mir im Vorfeld gründlich überlegte, kam ich letztlich doch aus einer Laune heraus zu dem Entschluss, dass ich mich einfach anmelden muss und mich quasi selber dazu zwingen muss. Immerhin lässt man den Startplatz bei einem Startgeld von knapp 400 Euro nicht einfach so verfallen.
Also begann an einem sonnigen Tag im März mein ganz persönliches "Projekt Langdistanz". Doch nicht nur für mich, sondern auch für einige Menschen, die mir nahe stehen, begann mit meiner Einschreibung eine ganz besondere Zeit. Immerhin hatten sie mich von da an samt meinen Launen, Trainingszeiten und Motivationslöchern zu ertragen.
Allein über die Vorbereitung auf eine Langdistanz kann man ganze Bücher schreiben. Davon möchte ich hier einmal absehen, es kann aber gut sein, dass ich in Zukunft noch einmal genauer auf das Training eingehen werde. Eventuell füge ich dann auf dieser Website eine eigene Trainings-/Vorbereitungsrubrik hinzu.
Doch nun geht es erstmal um den eigentlichen Wettkampf, bzw. die direkte Wettkampfvorbereitung:
Die letzten 3 Monate vor meiner ersten Langdistanz achtete ich erstmals penibel auf meine Ernährung und nahm keinerlei Alkohol zu mir. Ich wollte sämtliche möglichen Störfeuer bereits im Vorfeld ausblenden, um mich wirklich voll und ganz auf den Wettkampf konzentrieren zu können. Nichts sollte dem Zufall überlassen sein. Auch versuchte ich meinen Magen bereits im Vorfeld an die Wettkampfnahrung zu gewöhnen. Dies gelang einerseits ganz hervorragend, andererseits überhaupt nicht. Doch auch dazu später mehr.
Je näher der 03.09. rückte, desto größer wurde die Anspannung. Jedoch spürte ich das erste Mal richtige Nervösität während ich mich in der Warteschlange zur Startunterlagen-Abholung einen Tag vor dem Start befand. Nachdem ich mein Bike perfekt mit gefühlten 30 Powergels modifiziert hatte, machte ich mich auf den Weg zum Startbereich. Wie das immer so ist, trifft man dort auf die durchtrainiertesten Menschen, die man sich vorstellen kann. Diese schieben dann meist auch noch die neuesten Bikes vor sich her und tragen meistens die teuersten Ausrüstungsgegenstände. Da schiessen einem schon viele Gedanken durch den Kopf: "Ach du scheisse, was hat der denn für krasse Beine?" ... "Allein wegen dem Rad nimmt der mir schon 5 Minuten ab" ... "Der muss einfach schwimmen können, so groß wie der ist" ... "WAS MACH ICH HIER NUR?!?". Nach Erhalt der Unterlagen wird einem dann richtig bewusst, was man da eigenlich vorhat. Ich werde morgen einen IRONMAN bestreiten! Nach einer kurzen Panikattacke ging es zur Beruhigung erstmal zur Schwimmstreckeninspektion. Doch diese sah so unglaublich lang aus, dass ich mir langsam wirklich große Sorgen machte, ob ich denn ernsthaft überhaupt die Chance habe, die Zielflagge zu sehen. Beruhigend war der kurze Ausflug jedenfalls nicht. Die schlechte Wetterprognose tat ihr Übriges, um meine Laune auf den Tiefpunkt zu bringen. Ich fragte mich, wie ich in dieser Nacht überhaupt Schlaf finden sollte.
Die Nacht war grausam...es regnete in einer Tour und ich konnte nicht anders, als unbewusst dem Plätschern der Regentropfen zu lauschen. So lag ich im Dunkeln, mit weit aufgerissenen Augen und Angstschweiss auf der Stirn! In einem Moment hoffe ich, der Wettkampf würde wegen schlechtem Wetter abgesagt werden. Ein anderer Gedanke war, einfach liegen zu bleiben und so zu tun, als wäre es ein stinknormaler Sonntag! Warum nicht einfach mal einen Tag auf der Couch verbringen?! Oder ein lockeres Ründchen am Rhein laufen gehen? Genau! Ich würde einfach so tun, als wäre nix, ne Runde laufen gehen und Abends wie verabredet mit meinen Freunden feiern! Was für ein toller Sonntag!
Um kurz vor 4 Uhr klingelte dann der Wecker und endlich war diese Nacht rum. Natürlich stand ich wie selbstverständlich auf und begann meinen vorab geplanten Tagesablauf. Um halb 5 traf ich mich mit dem ersten Häufchen meines Fanclubs, bestehend aus meiner Mutter und meinem Bruder Marcus. Zudem war natürlich meine Freundin Anne-Marie von Beginn an dabei. So fuhr der kleine Trupp im Dunkeln durch die regnerische Nacht Richtung Start am Fühlinger See. An die Fahrt zum Startbereich hab ich absolut keine Erinnerung mehr. Ich kann noch nicht mal sagen, ob wir mit einem, oder mit zwei Autos gefahren sind, oder vielleicht sogar mit de, Taxi! Auch weiss ich nicht, ob ich selbst gefahren bin, oder Beifahrer war! Ich war schon absolut im Wettkampf-Modus!
Auch während ich meine Wechselzone einrichtete, tröpfelte es weiter spaßig vor sich hin. Aus meiner bedrückten Stimmung entstand sowas wie Trotz-Freude. "Scheiss drauf, ich zieh das jetzt durch, was danach ist, ist mir egal! Und wenn ich drei Wochen mit ner Lungenentzündung flach liege, das wird mein Tag!" Nur taten mir meine Fans leid, da diese den ganzen Tag draussen verharren mussten, und das nur mir zuliebe! Doch mit dem Sonnenaufgang gegen 6.30 Uhr hatte mich Petrus genug gequält und beendete seinen Sarkasmkus, indem er den Regen stoppte. Meine Laune stieg sprunghaft an! Zwar war es immer noch ungemütlich und kalt, aber dagegen kann man sich wappnen. Nur Regen war wirklich die Horrorvorstellung schlechthin.
Meine gute Laune war jedoch nur von kurzer Dauer. Mit dem Anziehen des Neoprenanzuges kam die Anspannung zurück. Und zwar krasser denn je! Eine gewisse Anspannung vor jedem Wettkampf ist normal und meiner Meinung nach auch leistungsfördernd. Doch diese Anspannung schien mich kurzzeitig zu lähmen! Tausend Gedanken rasten mir durch den Kopf. Die Zweifel wurden größer, ob ich auch nichts vergessen hatte, ob ich auch wirklich fit genug war, ob auch wirklich nichts unvorhergesehenes passieren würde. Immer wieder die Frage, was ich auf dem Rad anziehen sollte! Doch eine Regenjacke? Diese ist jedoch kaum atmungsaktiv und man schwitzt sich kaputt. Also lieber eine normale Sportjacke? Oder doch ganz ohne Jacke? Unschlüssigkeit machte sich breit.
Dann verabschiedete ich mich von meinen Lieben und ging Richtung Schwimmstart. Ganz ehrlich, wäre ich in diesem Moment alleine gewesen, ich hätte losgeheult. Ich musste mich wirklich zusammenreissen, während ich mich an den Massen vorbei ins Wasser bewegte. Die Anspannung war förmlich greifbar. Ich kenne es so, dass kurz vor dem Schwimmstart im Startbereich noch etwas rumgeflachst wird und die Stimmung eigentlich immer recht fröhlich ist. Doch an diesem Morgen war von Heiterkeit nichts zu spüren. Jeder war hochkonzentriert und absolut mit sich selbst beschäftigt. Dort im Wasser war kein Platz für Unkonzentriertheiten oder Späße. Es lag ein langer, harter Tag vor uns, und jeder war sich dessen bewusst.
Ich hatte mir zwar meine Zielzeit im Kopf vorgenommen, diese jedoch niemandem mitgeteilt. Zu groß war die Unerfahrenheit, eine solche Distanz betreffend. Als Einzeldisziplinen hatte ich die Distanzen bereits zurückgelegt, doch das war kein Vergleich zu einem Triathlon. Diese Belastung konnte man im Vorfeld nicht simulieren, weshalb ich tiefstapelte und öffentlich das Ziel als "ankommen" formulierte. Dennoch wusste ich, dass ich an einem guten Tag auch eine gute Leistung, und damit eine gute Zielzeit bringen kann.
Dann der Start...Feuerwerk und los! Ich kam ganz gut weg und fand schnell meinen Rhythmus. Wie immer hielt ich mich eher am Rand und eher etwas hinten auf, wollte ich doch auf solch eine lange Distanz jeglichen Ellbogenkämpfen aus dem Weg gehen. Bloss nicht die Brille verlieren oder nen Schlag abbekommen. Nichts dem Zufall überlassen! Die ersten paar hundert Meter gingen gut von der Hand. Zwar knallte einmal ein Fuß an meinen Kopf, doch die Brille blieb sitzen. Die Schwimmstrecke war angenehm und befand sich in der Regattabahn am Fühlinger See. Dort sind auf ca. 2m Tiefe Seile in Schwimmrichtung gespannt, an denen man sich auf der komplett geraden Strecke hervorragend orientieren kann. So konnte ich mich schonmal nicht verschwimmen, was normalerweise auch eins meiner Hobbies ist. Zudem sind am Rand alle 500m Distanzschilder aufgestellt, womit man immer weiss, wieviel man schon geschwommen ist. Bis zum Wendepunkt lief alles einwandfrei und ich fühlte, wie die Sonne sich langsam ihren Weg durch die Wolken bahnte. Der Rückweg verlief ebenfalls ohne größere Probleme, jedoch merkte ich, wie ich langsam etwas Rückenschmerzen bekam. Dieses Gefühl war zwar nicht neu für mich, allerdings hatte ich damit erst beim Radeln gerechnet. Nach etwas mehr als der Hälfte der Schwimmstrecke fand ich das doch etwas beunruhigend. Dennoch schwamm ich mein Tempo weiter und merkte, dass ich mich irgendwo in der Mitte des Feldes eingependelt haben musste. Damit konnte ich sehr gut leben und ich denke, ich bin die gesamte Schwimmstrecke in einem gleichmäßigen Tempo durchgeschwommen. Als ich das Wasser verließ zeigte die große Zeitnehmeruhr 1:10h. Das war endlich mal eine erfreuliche Nachricht, hatte ich mir doch 1:20h als Maximalzeit eingeplant. In der Wechselzone schaute ich kurz zu meiner bereitgelegten Jacke und ließ diese nach einem Blick gen Himmel liegen! Wenn schon, denn schon! Unter Jubelstürmen der Zuschauer und meiner kleinen, aber motivierenden Fangruppe, ging es nach exakt 1:13:33 auf die 180km lange Radstrecke durch die Kölner City.
Wie das immer so ist, vergehen die ersten Kilometer eines Wettkampfes auf dem Rad quasi fliegend. Erst recht, wenn man sich an einer neuen Rennmaschine erfreuen kann! Zudem ist man noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, die Eindrücke vom Schwimmen werden noch verarbeitet, bis man überhaupt bemkert, dass man schon mitten in der zweiten Disziplin ist. Ausserdem isst man erstmal ne Kleinigkeit und trinkt etwas, um dem Körper gleich wieder die Energie zurück zu geben, die er soeben verbraucht hat. Von daher sah ich nach ca. 10 Kilometern das erste Mal auf den Tacho, was meine Laune doch ziemlich aufhellte: "Nur noch 18x soviel!" Manchmal motivieren einen auch die Kleinigkeiten! Doch irgendetwas stimmte mit meinem Magen nicht. Meine Powergels widerten mich an und ich hatte einen richtigen Ekel davor, auch nur eines davon zu "essen". Auch mein spezieller Geheimtipp, getrocknete Bananenstücke in Salz eingelegt (Danke Marki!!!), brachten mich kurz vor den Würgereiz. Da fährt man also nun Richtung Kölner Innenstadt, hat gefühlte 3kg Essen am Fahrrad kleben und bekommt schon Durchfall, wenn man nur daran denkt. Aber es half ja nix, ich wusste, ohne Essen würde ich den Tag nicht durchstehen, also presste ich mir ein Gel nach dem anderen rein. Doch auch meine Getränkewahl an diesem Tag kam bei meinem Unterbewusstsein nicht gut an. Scheinbar hatte mein Körper eine Abneigung gegen meine Trainingsnahrung entwickelt, welche er an diesem Tag rauslassen wollte. Bester Zeitpunkt dafür. So stürzte ich mich bei jedem Verpflegungsstand auf sämtliche Naschereien und Getränke, die gereicht wurden. Riegel mit Colageschmack? Klingt eklig, war es auch. Egal! Pinke Flüssigkeiten in Plastikflaschen? Bestimmt ein Naturprodukt! Her damit! Meine eigenen Flaschen hatte ich schnell ausgetauscht und ich bin meinem Magen echt dankbar, dass er zumindest auf die ungewohnte Verpflegung so positiv reagierte. Nämlich gar nicht.
Doch zurück zum eigentlichen Radeln: Ich pendelte mich schnell bei meinem angestrebten Tempo von 30 - 35 km/h ein. Doch dann geschah etwas, was mich psychisch fast meine gesamte Kraft gekostet hätte und womit ich nicht rechen konnte: Als ich über die erste Zeitabnahme-Matte radelte, war ich komplett alleine auf der Strecke. Deshalb fiel es mir nicht auf, dass kein lautstarkes Piepen ertönte. Doch bei der nächsten Zeitabnahme befand ich mich neben einer kleinen 3er-Gruppe. So fuhren wir über die Zeitmess-Matte und es erklang das bekannte Geräusch: PIIIEP...PIIIEP...PIIIEP... ... ..."PIIIEP!?" dachte ich mir noch, doch das 4. PIIIEP blieb aus! Kurze Erinnerung an die letzte Zeitabnahme..."hat es da nicht auch schon nicht gepiept!? Woran kann das denn liegen, mein Zeitnahme-Chip ist doch geprüft, der funktioniert doch. By the way...wo trag ich den Zeitnahme-Chip nochmal? Ach ja, an meinem rechten Knöchel...kurzer Blick nach unten...hm...vielleicht doch links? Erneuter kurzer Blick...neee, der war sicher rechts. Hab ihn vor lauter bunter Tattoos bestimmt nur nicht gesehen." Nochmal nachgesehen...Panik...Verzweiflung...! Der Chip samt Klettband war weg! Nicht schon wieder so eine Panne auf meinem Heimwettkampf! Letztes Jahr auf der Mitteldistanz 35km mit nem Platten gefahren und jetzt das! "Das ganze Training, der ganze Aufwand, umsonst?! Das darf nicht wahr sein! Ich werde als dnf (did not finish) gelistet werden! Die haben keine Zwischenzeiten von mir! Ich bin raus!"
Selten war ich beim Sport derart abgelenkt, wie in diesem Moment. Ich radelte wie von alleine, wenn auch sichtlich langsamer als zuvor, mein Kopf war so sehr damit beschäftigt den weiteren Rennverlauf zu planen. Was waren meine Möglichkeiten? Meine erste Idee war, bei der nächsten Gelegenheit jemanden von der Rennleitung (die netten Herren, die auf ihrem Motorrad immer rummaulen, man solle mehr Abstand halten) anzusprechen und mein Problem zu erläutern. Ich war mir in der Zwischenzeit sicher, dass ich den Chip im Neoprenanzug verloren haben musste. Ich wusste nämlich noch, dass es nach meinem Schwimmausstieg deutlich gepiept hat. So konnte der Chip eigentlich nur in meinem rechten Bein des Neoprenanzuges sein. Beim schnellen Ausziehen von diesem, kann sowas sicher mal passieren. ABER DOCH NICHT HEUTE! Mein Plan war jedoch noch nicht ganz ausgereift, hatte ich doch zuviel Angst, der Rennleiter würde mich aus dem Rennen nehmen! Nach dem Motto: "Kein Chip, kein Teilnehmer! Du bist raus!!!" Also beschloss ich, das Rennen in jedem Fall für mich zuende zu fahren. Mir doch egal, wenn meine tausende Fans zuhause vor ihren Bildschirmen ein dnf hinter meinem Namen lesen. Ich wüsste es besser! "Die müssen mich schon mit Gewalt von der Strecke zerren, von alleine höre ich nicht auf!" Also radelte ich fleissig weiter und bemerkte, nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, meine Rückenschmerzen wieder. Diese wurden im Laufe der Radstrecke so schlimm, dass ich sogar kurz eine Pause einlegte, um mich mal kräftig zu strecken. Natürlich verknüpfte ich dies gleich mit einer stehenden Erleichterung am nächstgelegenen Baum.
Im Laufe der ca. 5:30h auf dem Rad (ich hab ja leider keine Zwischenzeiten davon!) hat man viel Zeit zum Nachdenken und so schmiedete ich den für mich ultimativen Plan! Ich würde meinen Bruder beim Laufen damit beauftragen, meinen Chip wieder zu holen, während ich die erste von drei Runden laufe. Ich war mir sicher, dass die Schwimmsachen mittlerweile in den Zielbereich gebracht wurden, weshalb durchaus eine realistische Chance bestand, dass mein Bruder den Chip besorgen könnte. Er müsse den Helfern halt nur glaubhaft klarmachen, dass der in der Schwimmtüte der Startnummer 444 (was für eine geile Startnummer!) im rechten Hosenbein des Neoprenanzug ein Chip sein muss und dieser ist quasi lebenswichtig! Dafür hatte er ca. 1:20h Zeit, denn das war meine geplante Laufzeit pro Runde. Den Chip sollte er mir dann auf der Zweiten von drei Laufrunden in die Hand drücken und alle tun so, als wäre nichts gewesen. Wenn später bei den Ergebnissen einige Zwischenzeiten fehlen würde, müsse das ja ein technischer Defekt sein. Wer verliert schon seinen Zeitchip während eines Wettkampfes?! Der Plan war also gefasst, und die Umsetzung durchaus realistisch. Also schnell und neu motiviert zuende radeln und dann geht's weiter, hoffentlich mit Chip. Der Rest des Radelns war wirklich super. Innerhalb der Innenstadt war mein Fanclub mittlerweile auf gefühlte 300 Mann angewachsen (15 waren es bestimmt!) und sogar die Straßen wurde von meiner Gruppe mit einem motivierenden "Alex GO!" plakatiert. Teilweise war es jedoch auch etwas langweilig, wenn es aus Köln heraus Richtung Umland ging, wo den Leuten der Sport Triathlon scheinbar noch nicht wirklich nahe gebracht wurde. Aber die Stimmung an meiner persönlichen Fanmeile entschädigte für das ruhige, einsame Radeln über Felder und Landstraßen. Also ging es nach ca. 5:30h (6h war die geplante Maximalzeit!) runter meinem weißen Blitz und ab auf die Laufstrecke. Endlich meine stärkste Disziplin, endlich (vielleicht) wieder ein Chip am Bein!
Beim Einfahren in die Wechselzone suchte ich sofort den Standort meiner Truppe. Ruck-Zuck die Schuhe gewechselt und losgelaufen. Ich behaupte, das war der schnellste Wechsel meiner bisherigen Karriere! Bereits nach wenigen Metern stand der gröhlende Achnitz & Friends-Clan vor meiner Nase und ich winkte dankbar, während ich meinem Bruder versuchte klar zu machen, er müsse ein paar Meter mit mir laufen! Dieser war etwas verdutzt, willigte dann aber ein, nicht ohne zuerst seine Bierflasche sorgfältig abzustellen. Ich redete sofort wild auf ihn ein und versuchte die Situation möglichst schnell und klar verständlich zu erklären. Als ich fertig war, blickte ich erwartungsvoll in seine Augen und stellte fest, dass diese doch etwas glasiger waren, als ich sie morgens vorm Start in Erinnerung hatte. Ebenso verwirrte mich sein ständiges Grinsen. Mein Bruder versicherte mir in einem leicht lallenden Ton, dass er mir den Chip besorgen würde. Zudem gab er mir noch ein paar motivierende Worte und Weisheiten mit auf den Weg: "JUNGE! DU BIST DER GEILSTE!!!" Ich war ihm für seine Motivation und Hilfe zwar dankbar, aber wirklich überzeugt war ich noch nicht. Zudem empfand ich schlagartig eine große Portion Neid, denn auch ich wollte in diesem Moment lieber mit einer Flasche (oder Kiste) Bier am Streckenrand stehen. Aber mein Plan nahm gestalt an, auch wenn die Ausführung von diesem Zeitpunkt an nicht mehr in meiner Handlag. Aber mein Bruder hatte mich noch nie enttäuscht, weshalb ich guten Gewissens auf die Marathonstrecke ging.
Die erste der drei 14km-Runden lief ich wie verrückt und weit schneller, als ich es eigentlich geplant hatte. Ich wollte endlich wissen, ob mein Bruder meinen Chip bekommen hatte. Die Laufstrecke war wirklich schön und diese erste Runde ging auch schnell vorbei. Quer durch die Kölner Altstadt, auch wenn die Stimmung bis auf den Zielbereich wirklich dürftig war. Die Kölner sind scheinbar noch nicht richtig warm mit dem Triathlon. Zum Glück hatten sich bei knapp der Hälfte der Runde zwei Kollegen von mir eingefunden, die mich nun ebenfalls anfeuerten und somit motivierten. Das "Highlight" der Laufstrecke kam kurz vorm Rundenende in Form einer Wendeltreppe hinauf zur Deutzer Brücke. In dieser Runde nahm ich die Treppen noch lächelnd und mit einem ordentlichen Tempo. Das sollte sich später jedoch ändern. Die erste Runde dauerte ca. 1:10 Minuten und war damit knapp 10 Minuten schneller, als ich es mir vorgenommen hatte! Dass ich dieses Tempo nicht bis zum Schluss gehen könnte, war mir zwar sofort klar. Dennoch wollte ich mich nicht zwingen langsamer laufen, da mir dieses Tempo in dem Moment als angenehm und absolut ökonomisch vorkam.
Dann kam der Moment der Wahrheit: Als ich auf meine Fanmeile einbog, sah ich bereits Anne-Marie aus der Gruppe herauslaufen und auf mich zu stürmen. Und in der Hand hielt sie meinen Chip! Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen und schlagartig fühlte mich wie mit 150km weniger in den Beinen! Ein schnelles Küsschen und weiter im Programm. Ich war neu motiviert und mir gingen viele erfrischende Gedanken durch den Kopf. Mein Lieblingsgedanke war, wie mein Vater schon den ganzen Tag vorm Liveticker sitzt und sich sicher denkt, ich wäre ausgeschieden, und dann plötzlich: "ACHNITZ - LAUFEN km 28 - 9:10h" (oder soetwas ähnliches) auf seinem Bildschirm erscheint.
Auch die zweite Runde lief ich noch relativ locker und in einem ordentlichen Tempo. Als ich langsam wieder auf die Brücke am Ende der Runde zulief, ging im Zielbereich ein Feuerwerk los. Der Sieger hatte soeben das Ziel erreicht. Das kostete mich einige Motivationspunkte und schlagartig kamen mir die 17 noch zurückzulegenden km fabulös weit vor. Aber sofort suchte ich wieder nach positiven Aspekten und fand in der Tatsache, dass ich bereits 206km hinter mir hatte, wieder neue Kraft. Zudem motivierte mich der Anblick der anderen Starter. Einige quälten sich wirklich nur noch und "vegetierten" vor sich hin. Viele gingen, ja spazierten fast, während ich mir vorgenommen hatte, die Strecke wirklich durch zu laufen! Nur zum Verpflegen verfiel ich mal kurz in ein schnelleres Gehen, ansonsten wurde die gesamte Strecke im Laufschritt absolviert. So konnte ich, wie immer, auf der Laufstrecke einige Plätze gutmachen und motivierte mich damit, immer den nächsten vor mir noch einholen zu wollen! Die zweite Runde dauerte ca. 1:17h und war damit immer noch schneller als es meine ursprüngliche Grobplanung es vorsah.
Dann ging es ein letztes Mal vorbei ein meinem Fanclub, und dieses Mal nahm ich die Jubelschreie gar nicht mehr richtig wahr. Die Beine forderten ihren Tribut und meine Füße hatten einfach keine Lust mehr sich beim Laufen mehr als 3cm vom Boden zu heben. Der Kopf war willig, das Fleisch wurde schwächer! Auch mein Fanclub konnte nun die Anstrengung in meinem Gesicht ablesen.
Da ich jedoch ein ganzes Stück schneller unterwegs war, als ich es mir hätte träumen lassen, beschloss ich die letzten Runde nicht mehr auf Anschlag zu laufen. Ich wollte lieber sicher, und vor allem laufend, ankommen, als nochmal das Tempo anzuziehen und vielleicht dann doch noch komplett einzubrechen. So zählte ich die letzten 10 Kilometer lautstark mit und redete auf mich ein, mich nicht so anzustellen! Für Zuschauer sind die letzten Kilometer einer Langdistanz sicherlich recht verstörend! Dort ist jeder Starter wirklich nur noch mit sich selbst beschäftigt und bekommt von seiner Umwelt nichts mit. Ich selbst kann auch fast nix mehr über die letzte Laufrunde sagen, ich weiss nur noch, dass ich, wie gesagt, lautstark mit mir selber redete und jede Kilometeranzeige bejubelte. Und, dass ich mich nochmal erleichterte, allerdings weiss ich nicht mehr wo genau das war. Die Wendeltreppfe erklomm ich jedenfalls auf allen Vieren...gefühlt zumindest.
Dann kam das Ziel langsam in Hörweite. Die letzten Meter vergingen wie in Trance. Beim Zieleinlauf hatte ich den Blick auf meine Gruppe gerichtet, welche sich direkt auf Zielhöhe versammelt hatte. Alles jubelte, ein unglaublicher Lärm und die einzige Aktion zu der ich noch in der Lage war, war eine Kusshand zu meinen Leuten zu werfen. Alles andere verging wie im Traum und ich bekam eigentlich nichts wirklich bewusst mit. FINISH!!!! Schnell noch Medaille und T-Shirt abgesahnt und nichts wie hin zu meiner Gruppe. Ich kraxelte über die Tribüne, vorbei an jubelnden Zuschauern und steuerte schnurstracks meine Leute an. Dort fiel ich meinen Liebsten in die Arme und sofort überkamen mich all meine Gefühle, welchen ich freien Lauf ließ. Das war sicherlich einer der emotionalsten Momente meines Lebens. Alle angestauten Gefühle der letzten Stunden, Wochen, Monate brachen aus mir heraus (und nicht nur aus mir!) und ich war einfach nur überglücklich über die Unterstützung all meiner Freunde und stolz auf meine Leistung. Die Uhr bliebt bei genau 10:33:02h stehen. Dies bedeuteteden 92. Platz in der Gesamtwertung von ca. 500 Startern.
Noch im Zielbereich wurde ich für meine Mühen belohnt und bekam als Eisenmann eine eiskalte Dose Liptonice in die Hand gedrückt. Ich glaube, ich habe noch nie soetwas leckeres getrunken (Danke Sascha!)
Auf der Fressmeile hinter dem Ziel kam ich vor dann allerdings vor, wie ein ausgesetzter Hund. Mein Kopf war so leer, mein Körper so geschunden, ich hatte weder Hunger noch Durst. Ich gönnte mir lediglich ein alkoholfreies Weizen und ein Stückchen Kuchen, wovon mir auch sofort schlecht wurde. Ich wollte nur noch nach Hause.
Die Dusche war atemberaubend! Unglaublich, was so ein bißchen Wasser auf der Haut für Gefühle auslösen kann! Auch der Abend im Kreis meiner lieben Fans war sehr schön! Ich konnte mich gar nicht oft genug für die Unterstützung bedanken. Das geplante Alkoholvernichten fiel für mich jedoch leider aus. Ich bekam einfach nichts rein! Leider auch nichts essbares, was ich jedoch am nächsten Tag in zigfacher Form nachholte. So ging schliesslich ein wunderbarer Tag im Kreis der Menschen zuende, die mich den ganzen Tag unterstützt hatten. Einen schöneren Tagesablauf und -abschluss hätte ich mir beim Aufstehen am selben Morgen nicht vorstellen können.
Das Wichtigste was ich über diesen Tag zu sagen habe ist: DANKE! Danke an Alle, die dabei waren, egal ob live vor Ort oder am Liveticker, die an mich gedacht haben, die mich unterstützt haben und die mich angefeuert haben. Danke. Danke. Danke.
Besonderer Dank an Anne-Marie und Marcus, alleine aufgrund der Chip-Geschichte!
Der längste Tag meines Lebens...er war lang...aber erfolgreich













































